So viel Licht, als uns immer möglich ist ...

Von Werner-Schülern einst und einem Besucherbergwerk heute

(in: Freiberger Anzeiger , 1992, Nr. 18, S. 12-13) Der Rat zu Freiberg führte seit dem 16. Jahrhundert mit zwei Vertretern des sächsischen Dienstadels die Geschäfte der Gewerkschaft des Zwitterstocks Tiefen Erbstollens. Freiberg war Stapelplatz für Altenberger Zinn. Das Oberbergamt übte die direkte Aufsicht über den Altenberger Bergbau aus. In dessen Auftrag wurde 1663 Balthasar Rösler von Freiberg nach Altenberg als Bergmeister und Markscheider versetzt und übte auch das Amt des Stollenfaktors aus. Der Zinnwalder Bergbau unterstand dagegen den Lauensteiner Grundherren, die das niedere Bergregal besaßen und dazu Vasallenbergämter wie in Neugeising unterhielten. Von 1464 bis 1490 gehörte die Herrschaft Lauenstein Hans Müntzer und 1490 bis 1505 Stephan Alnpeck. Beide waren Angehörige Freiberger Ratsfamilien und besonders am Altenberger Bergbau beteiligt. Von 1517 bis 1821 flossen die meisten Erträge des Zinnwalder Bergbaus an die Familie von Bünau auf Schloß Lauenstein. Die Führung im Besucherbergwerk beginnt im technischen Denkmal Zechenhaus/Bergschmiede am Mundloch des Stollns, der heute noch das Grubenwasser aus dem böhmischen und sächsischen Teil der Lagerstätte abführt. Nach gut 500 Metern Fahrweg erreicht man in 77 Meter Tiefe die Landesgrenze. In unmittelbarer Nähe sind zwei durch den Abbau massiger Erzkörper entstandene großräumige Weitungssysteme befahrbar. Die im 18./19. Jahrhundert mit Bohr- und Sprengarbeit aufgefahrene Reichtroster Weitung zeugt vom Können der Bergleute und übt auf den heutigen Besucher eine faszinierende Wirkung aus. In der benachbarten Schwarzwänder Weitung, die größtenteils auf böhmischem Gebiet liegt, soll 1728 - in der Zeit der Gegenreformation - der protestantische Geisinger Pfarrer Heinrich Kauderbach heimlich vor böhmischen Bergleuten gepredigt haben, die nach Geising eingepfarrt waren. Die Exulanten aus dem Nachbarland konnten auf sächsischem Gebiet 1671 bzw. 1728 die Siedlungen Alt- und Neugeorgenfeld gründen. Durch sie wurden Bergbau und Gewerbe nachhaltig belebt. Am Reichtroster Schacht gelegene Abbauräume dienten - wie Augenzeugen berichten - in den Maitagen 1945 fast 300 Zinnwalder Einwohnern als Zufluchtsort vor den Kampfhandlungen. Bei der Befahrung des Stollens werden auch eine Anzahl sehr flach liegender Erzgänge - in Zinnwald Flöze genannt - mit den dazugehörigen Flözabbauen erkennbar. Quarz, Zinnstein und Wolframit sind die Hauptbestandteile dieser bis zu einem Meter mächtigen Gänge, die in hervorragenden Aufschlüssen erhalten sind. Das Rätsel des Wolframits, den man jahrhundertelang als störend für die Zinnerzaufbereitung und - verhüttung ansah und mit dem man nichts anfangen konnte, lösten im Jahre 1783 die spanischen Brüder Fausto und Joseph D’Elhuyar. Sie waren Schüler von Abraham Gottlob Werner an der Bergakademie Freiberg und des schwedischen Mineralogen und Chemikers T. Bergmann und isolierten damals aus dem Zinnwalder Wolframit ein bis dahin unbekanntes Metall: sie nannten es Wolfram. Als möglicher Stahlveredler bereits 1785 von R.E.Raspe erkannt, wurde das Wolfram erst ab 1880 großtechnisch nutzbar. Der mit einem Granit verbundene eigentümliche Lagerstättentyp erhob die Zinnwalder Lagerstätte vor allem im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert zu einem internationalen Studienobjekt für Interessenten der Mineralogie und Geologie. Lehrer und Studenten der Bergakademie studierten an Ort und Stelle bei wissenschaftlichen Reisen die Verhältnisse. J. W. von Goethe ging bei seinem Besuch 1813 den Fragen zur Entstehung der Granite und der Eigenart der Zinnformation nach: „Nur hat es der Natur beliebt, an jedem dieser vier Orte mit Orden und Niederlegen anders zu verfahren, indem sie bald das Metall in große Gebirgsmassen zerstreute, wie es in Schlaggenwalde, mehr aber noch in Altenberg geschehen, teils daß sie solches in schmalen Gängen und Lagern vertikal wie in Graupen, horizontal wie in Zinnwald niederlegt. Halten wir an diesen Begriffen fest, so werden wir uns schon durch das Labyrinth durchwinden, in welches uns auch hier eine niemals gänzlich zu enträtselnde Natur so freundlich als verführerisch hineinlockt.“ Diesen „Verführungen“ mit dem Ziel nach wissenschaftlichen Erkenntnissen folgten auch so wichtige Vertreter der aufblühenden Geowissenschaften wie Fr. A. von Heynitz (1754), A. Tr. von Gersdorf aus der Lausitz, Alexander von Humboldt (1791), J. Fr. W. Charpentier und A. G. Werner aus Freiberg, Monnet aus Frankreich (1769), die Brüder D’Elhuyar aus Spanien (um 1780), J.J. Ferber aus Preußen (1768/70), F.P. Moiseenkow aus Rußland (1779), J. C. Freiesleben und B. von Cotta aus Freiberg. Die mit den Stollen und den Abbaufeldern zwangsläufig entstandenen untertägigen Verbindungswege zwischen Sachsen und Böhmen erwiesen sich zeitweilig auch als geeignete Wege für das Paschen (Schmuggelhandel). Heute sollen die historischen Bezi ehungen von Zinnwald und Cinovec freilich zu Ansatzpunkten für grenzüberschreitenden Tourismus mit der CSFR werden. Ein Vertrag zur Einbeziehung der auf böhmischem Gebiet liegenden Schwarzwänder Weitung in das sächsische Besucherbergwerk zum gegenseitigen Nutzen ist solch eine aktuelle praktische Frage. Im Jahre 1990 mußte auch auf böhmischer Seite der Abbau eingestellt werden. Welche Schätze dieser Lagerstätte in Zukunft noch nutzbar gemacht werden können, ist gegenwärtig nicht vorhersehbar. Als Denkmal des osterzgebirgischen Zinnerzbergbaus ist sie nach umfabngreichen Erschließungsarbeiten nun im Rahmen des Fremdenverkehrs öffentlich nutzbar. Das ist eine Antwort auf die von A. G. Werner 1791 gestellte Frage: „Sollte es uns nicht Pflicht sein, den uns folgenden Generationen über den ihnen zu hinterlassenden, theils gangbarentheils aufgelassenen, Bergbau soviel Licht, als uns immer möglich ist, aufzubehalten und mitzutheilen?“ Es waren diesmal Bergleute der Bergsicherung Dresden GmbH, die Licht in die Weitungen hineinbrachten, in denen zum Beispiel die Zinnwalder Kirche Platz hätte. Sie richteten die Fahrwege bergmännisch her, bereiteten den Stollen wieder für eine Grubenbahn vor und setzten Teile des Zechenhauses denkmalpflegerisch instand. Damit wurde eine Idee Wirklichkeit, die schon Bestandteil der denkmalpflegerischen Zielstellung 1983 war. Der Rat der Gemeinde Zinnwald-Georgenfeld hatte im Sommer 1990 beschlossen, die technischen Denkmale „Tiefer Bünau Stollen mit Zechenhaus und Bergschmiede“ als Besucherbergwerk herrichten zu lassen. Das ehemalige Ministerium für Handel und Tourismus der DDR hatte, von der Gemeinde im Juli 1990 beantragte, umfangreiche, zweckgebundene finanzielle Mittel für dieses Vorhaben bereitgestellt, dessen Auszahlung später durch das Bundesministerium für Wirtschaft abgesichert wurde. Unter den drückenden Bedingungen einer plötzlich wirtschaftsschwachen Grenzregion der BRD erscheint das neue Besucherbergwerk als wirksamer Beitrag zur Wiederbelebung des Tourismus in der Region. Am 18. Juni 1992 wurde der Tiefe Bünau Stollen als Besucherbergwerk übergeben. Auf der Wanderung durch den Ort stößt man auf die historische Gaststätte „Sächsischer Reiter“ und das sehenswerte kleine Museum im Huthaus von „Vereinigt Zwitterfeld“. Ein geschichtlicher Lehrpfad führt durch die Streusiedlung mit ihren in diesen Tagen blühenden Gebirgswiesen auf dem Kamm des Erzgebirges. Wer Glück hat, kann in der Grumbtmühle bei Schausägen von Brettern und Schindeln an historischer Technik zuschauen und anschließend in der benachbarten Gaststube einkehren. Der Aschergraben führt Wanderer weiter nach Altenberg mit seiner Pinge und der historischen Pochwäsche. Vom nehegelegenen Geisingberg bietet sich ein herrlicher Blick auf Geising, Zinnwald und Altenberg, die drei durch den Zinnbergbau entstandenen Siedlungen des Osterzgebirges. Der romantische Hauch kann freilich nicht über die großen sozialen und wirtschaftlichen Probleme der Region, die Belastung durch den Transitverkehr und die nur langsam zurückzudrängenden Waldschäden hinwegtäuschen. Es ist vor allem eine regionale Wirtschaftsplanung notwendig, in der der Fremdenverkehr seine Funktion hat. Der Denkmalbereich osterzgebirgischer Zinnerzbergbau besitzt dafür wichtige Potenzen, die mit dem neuen Besucherbergwerk wirksamer geworden sind. Dr. R. Sennewald und Dr. S. Schetelich