Ein Bergarbeiter spielt mit dem Feuer

Pulverexplosion im Jahre 1903 in der Betstube des Huthauses von "Vereinigt Zwitterfeld zu Zinnwald"

(in: Sächsische Zeitung, Kreisausgabe Dippoldiswalde; 29.11.1995, S. 12) Geschichtliche Ereignisse liegen manchmal nur wenige Jahrzehnte zurück, doch geraten sie in Vergessenheit, weil niemand mehr zur Erlebnisgeneration gehört. Eines davon ist die Pulverexplosion in der Betstube des Huthauses in Zinnwald am 3. Juni 1903. Obwohl es zum Zeitpunkt des zu schildernden Geschehens bereits detaillerte Vorschriften für die Bergwerksbesitzer, Beamten, Aufseher und Bergarbeiter zur Verhütung von Unfällen beim Umgang mit Sprengstoffen und bei der Sprengarbeit selbst gab, sind zahlreiche und heute zum Teil kurios anmutende aktenkundige Vorfälle aus dem erzgebirgischen Bergbau bekannt, die das Risiko einer unbeabsichtigten Explosion geradezu herausgefordert haben. Trotz der Warnung der Kameraden Lassen wir die damalige Unfallaussage berichten: "Am Mittwochnachmittag nach 4 Uhr, als die in der Betstube des Huthauses mit Ausschlagen von Wolfram beschäftigten Arbeiter beim Vesperbrot saßen, machte sich der 34-jährige Bergarbeiter Querner mit einem Zünder, ein mit Pulver gefülltes Schilfröhrchen, zu schaffen und brannte denselben, trotz der Warnung seiner Kameraden, dies nicht zu tun, an. Die umhersprühenden Funken erreichten den naheliegenden Zündervorrat und den Pulverkasten, und sofort erfolgte eine furchtbare Explosion, durch die sechs Arbeiter mehr oder weniger schwer an Gesicht und Händen verbrannt wurden. Durch den gewaltigen Luftdruck waren bis in den oberen Stock hinauf Fenster herausgerissen und zersplittert worden, die Dielung einer Kammer war ganz auf- und auseinandergerissen und den im Nebenraume sitzenden Arbeiter Langbein hat der Luftdruck ausgehoben und durch eine Tür und dann noch durch ein Fenster an der hinteren Seite des Hauses in den Garten geschleudert. Derselbe kam aber wunderbarerweise ohne besondere Verletzungen davon. Auch die im ersten Stock befindliche Wohnung des Betriebsbeamten, des Herrn Bergverwalter Morgenstern wurde mehrfach beschädigt, überhaupt das ganze Gebäude auf dieser Seite bis oben hinaus in Mitleidenschaft gezogen. Der entstandene Brand wurde sofort gelöscht. Das Befinden der Verletzten, die durch den frevelhaften Leichtsinn ihres Kameraden so schwer beschädigt wurden, gibt jedoch zu ernsten Befürchtungen keinen Anlaß." Nachlässige Geschäftsführung Den durch die Pulverexplosion verursachten Brandschaden schätzte die Grubenverwaltung damals auf 150 Mark, für heutige Verhältnisse eine recht gering anmutende Summe. Der in dem zitierten Bericht erwähnte Bergverwalter, Karl August Morgenstern, der damals gleichzeitig "Hutmann" gewesen ist, war von 1891 bis gegen Ende 1903 Betriebsleiter der Gruben. Der Gewerkenvorstand kritisierte sein Wirken später mit einer "unglaublich nachlässigen Geschäftsführung". Ob ihm allerdings auch eine Schuld an dem Explosionsunglück angelastet worden ist, kann nicht nachgewiesen werden. Kontrolle der Berginspektion Jedenfalls hat man aus dem Vorfall sofort Konsequenzen gezogen. Die Grubenleitung verpflichtete noch im Juli 1903 den Zinnwalder Grubensteiger Ernst August Mende zur Annahme und Ausgabe von Sprengstoffen und Zündern. Am 28. August desselben Jahres gibt die Berginspektion Freiberg nach einer Kontrolle abschließend zu Protokoll: "Das Wandschränkchen zur Aufbewahrung der Zünder befindet sich nicht mehr in der Betstube, sondern in dem daran anstoßenden Raum in genügender Entfernung vom Ofen. Der Tagesbedarf an Pulver wird im Keller in einer blecherner Flasche aufbewahrt. Von den bei der Pulverexplosion verletzten sechs Mann haben vier schon vor einiger Zeit ihre Arbeit wieder aufgenommen, während die Häuer Querner und Ludwig Knauthe Montag, den 31.August, wieder anzufahren gedenken." Damit war ein durch Ausgelassenheit verursachtes schicksalhaftes Ereignis abgeschlossen, das verheerende Folgen sowohl für den Verursacher als auch für die anderen Anwesenden und letzten Endes auch für deren Familien hätte haben können. Glück im Unglück! Wolfgang Barsch