Über 150 Zinnwalder retteten sich in den Bauch der Erde

Die Schreckenstage bei Kriegsende im Bergwerksstollen überlebt

(in: Sächsische Zeitung, Kreisausgabe Dippoldiswalde, 04.05.1995, S. 13) Vor genau fünfzig Jahren wurde der Kanonendonner aus Richtung Dresden immer lauter, viele Trecks mit Flüchtlingen und Soldaten der deutschen Wehrmacht - alle mit dem Ziel, den Russen zu entgehen und möglichst in die von den Amerikanern bereits besetzten Gebiete im Sudetenland zu gelangen - zogen über das Erzgebirge. Diese Eindrücke ließen bei vielen Einwohnern von Zinnwald-Georgenfeld den Gedanken reifen, im Inneren der Erde Zuflucht zu suchen, um das nackte Leben zu retten. Vorbereitungen waren bei vielen Familien schon getroffen, Lebensmittel, Betten und warme Kleidung zurecht gestellt. Eine Frage aber hielt die Menschen noch zurück. Was sollte aus den Häusern und Wohnungen werden? Der Angriff auf Altenberg gab das Startsignal Am Nachmittag des 7. Mai griffen russische Flugzeuge Altenberg an. Dies war dann der Startschuß für die wohl größte Abwanderung der Menschen aus Zinnwald. Aus allen Richtungen zogen sie mit bepackten Handwagen zum Mundloch des Tiefen-Bünau-Stollens. In diese verhältnismäßig kleine Öffnung verschwanden die Frauen, Männer und Kinder mit Sack und Pack! Taschenlampen und Karbidlampen leuchteten im Bünau-Stollen rund 700 m in den Berg bis in den Bereich der Reichtroster Weitung, die im 18. Jahrhundert durch Bergbautätigkeit entstand und durch Bohr- und Sprengarbeit das jetzige Aussehen erreichte. Hier im Bereich der Kompressorenstation war durch den jahrzehntelangen Maschinenbetrieb das Gestein aufgeheizt, und die Temperaturen lagen über dem durchschnittlichen Grubenklima von acht Grad. Als erstes begann jede Familie, die Lagerstätte herzurichten. Leere Dynamitkartons wurden als Auflage auf das Gestein verwendet, darauf die mitgebrachten Decken und zuletzt die Federbetten - eine harte, dafür sichere Schlafgelegenheit! Im vorderen Teil des großen Hohlraumes waren Behälter mit Karbid und hunderte Karbidlampen zur Benutzung abgestellt - eine Maßnahme, die mein Vater vorbereitet hatte, der damals Obersteiger im Zinnwalder Bergbau war. Kinder weinten in der unheimlichen Umgebung Aus allen Ecken und Winkeln, bis in die angrenzende große Weitung, sah man Lichtpunkte, hörte man das Stimmengewirr der vielen Familien, die sich auf diese Weise zum Überleben eingerichtet haben. Die erste Nacht zum 8. Mai war sehr unruhig. Kinder weinten ob der unheimlichen Umgebung und des ungewohnten Lagers. Nach dieser ersten Nacht beschlossen wir Jungen und Mädchen, zur Sicherheit der "Höhlenbewohner" einen 24-Stunden Wachdienst vor dem Reichtroster Zugang einzurichten. Eine Maßnahme, die beruhigend wirkte. Um nicht völlig von der Außenwelt isoliert zu sein, zeigten uns Bergleute einen schmalen Ausstieg über einen kleinen Wetterschacht, der hinter dem Bergwerksgebäude im Haldenbereich ans Tageslicht führte. Für uns jüngere (13 bis 15 Jahre) war es ein Abenteuer, wenn wir ungesehen über diesen Ausstieg unsere Zufluchtsstätte verlassen konnten, um die zurückgelassenen Wohnungen und Häuser zu kontrollieren, und wenn möglich, weitere Lebensmittel, vor allem ein frisches Brot von der Bäckerei Wagner am Grenzsteinhof, zu unseren Familien zu bringen. Natürlich blieben diese Streifzüge von uns Kindern den russischen Soldaten im Ort auf die Dauer nicht verborgen, vor allem müssen sie sich gewundert haben, daß in der Nähe des Schachtgebäudes ständig Menschen auf unerklärliche Weise verschwanden. Wie oft haben russische Soldaten zu Fuß oder zu Pferd uns gejagt. Aber wir waren schneller und russische Soldaten haben manchmal auch in das Dunkel des Stollenganges hineingeschossen. Durch die kurvenreiche Streckenführung waren wir aber geschützt. So haben weit über 150 Menschen über eine Woche, viele bis zu zwei Wochen, im "Bauch der Erde" gelebt, sicher, doch in Sorge, was wohl mit dem zurückgelassenen Eigentum geschehen sein mag. Im Bergwasser wurden die Windeln gewaschen Gekocht wurde über zwei bis drei kreisförmig zusammengestellten Karbidlampen, das Wasser wurde aus den vielen Klüften und Spalten entnommen. Im kalten Bergwasser (etwa 7 Grad Celsius) wurden die Windeln unserer jüngsten Mitbewohner (mein Bruder war damals sieben Wochen alt) gewaschen und von uns täglichen "Berggängern" hinter dem Bergwerksgebäude versteckt zum Trocknen aufgehängt - damals herrschten heiße Frühsommertage. Als es nach der Kapitulation auch in unserem Ort etwas ruhiger wurde und wir feststellten, daß leerstehende Häuser und Wohnungen zunehmend geplündert und ausgeraubt wurden - nicht nur durch die russischen Soldaten und die in den benachbarten Lagern vorher untergebrachten sogenannten Ostarbeiter - zogen wir aus dem sicheren Schoß der Erde in die verwüsteten Wohnungen zurück, um zu retten, was noch zu retten war. Es war eine Zeit, an die man sich ungern erinnert, doch man ist zugleich dankbar, daß wir so unser Leben schützen konnten. Wenn ich als Führer im heutigen Besucherbergwerk "Tiefer-Bünau-Stollen" beim Befahren der Reichtroster Weitung aus meiner Erinnerung erzähle, dann werden die Besucher sehr still, können es kaum glauben, daß man in solchen Felshöhlen wohnen und leben konnte. Heinz Görl, Zinnwald