Der Mann in der "Gezähe"-Kiste

Episoden vom Kriegsende 1945 in Zinnwald/Osterzgebirge

Aus der Erinnerung – ich war damals 15 Jahre alt – über ein für mich und auch für andere Zeitgenossen in unserem Ort besonderes Vorkommnis zu berichten ist nach fast 65 Jahren nicht einfach, doch ich möchte es versuchen.

Es geschah in der Zeit kurz nach dem Ende des 2. Weltkrieges, im Mai/Juni 1945. Die Menschen erholten sich langsam von den Schrecken der letzten Kriegswochen, dem Einmarsch der russischen Soldaten und den damit verbundenen schmerzhaften Erlebnissen und bitteren Erfahrungen.

Wir wohnten zu dieser Zeit an der Geisinger Straße in Sächsisch-Zinnwald in einem der Beamtenhäuser, die die Sachsenerz-Bergwerk-AG für ihre leitenden Angestellten des Betriebes Zinnwald gebaut hatte. Dieser Bergbaubetrieb, auch Neuanlage Zinnwald genannt, befand sich auf damals sudetendeutschem Gebiet, jenseits der alten Landesgrenze in Böhmisch-Zinnwald. Mein Vater, Lorenz Görl, war als Obersteiger in diesem Zinn- und Wolframerz Bergwerktätig und bis zur Produktionsunterbrechung am 5.Mai 1945 für den Untertagebereich verantwortlich.

Mit dem Ende des 2. Weltkrieges und der Umsetzung der berüchtigten Benes-Dekrete begann auch die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus ihrer Heimat. Diese Ausbürgerung verschonte natürlich auch nicht die Deutschen in Böhmisch-Zinnwald, so dass in kurzer Zeit, bis auf tschechische Grenzsoldaten, kaum noch Menschen im Ort wohnten. Zu diesem Zeitpunkt wollte die neu eingesetzte tschechische Verwaltung des Zinnwalder Bergwerkes die Wiederaufnahme der Produktion vorbereiten. Tschechische Bergleute gab es damals noch nicht im Ort und vor allem fehlten Führungskräfte.

Eines Abends klopfte es an unsere geschlossenen Fensterläden. Draußen standen zwei Männer, Abgesandte der neuen tschechischen Bergwerksleitung, mit der dringenden Bitte, mein Vater solle doch mit deutschen Bergleuten den Untertagebetrieb wieder in Gang bringen. Sie kamen noch mehrmals, bis mein Vater unter folgenden Bedingungen zusagte:
    Die tschechische Seite beschafft die Genehmigung für einen täglichen Grenzübertritt für insgesamt 20 benötigte
    Personen und klärt mit der russischen Grenzbesatzung Ort und Zeit dafür.
Mein Vater bekam außerdem einen speziellen Ausweis mit der Unterschrift des damaligen Oberkommandierenden der Westgruppe der Roten Armee, Marschall Schukow. Nun war aber jeder russische Kommandant damals hier in Zinnwald sein eigener Herr und legte oft willkürlich die Grenzübergangsstelle für die Bergleute fest. Außerdem wurde das Grenzkommando alle 14 Tage gewechselt, um eine zu große Bevölkerungsnähe zu vermeiden – es war beinahe eine gesetzlose Zeit.

Bei einem ihrer ersten Untertageeinsätze im Bergwerk auf tschechischem Gebiet geschah dann, was mein Vater uns später erzählt hat. Einer von den deutschen Bergleuten kam plötzlich zu ihm gelaufen und sagte "Obersteiger, weiter vorn liegt ein Mann in einer Gezähekiste und er lebt noch". Gezähekisten hatten etwa eine Länge von 1,50 bis 1,70 m und dienten den Bergleuten zur sicheren Aufbewahrung ihrer Werkzeuge. Mein Vater folgte dem vorauseilenden Bergmann, der die frischen Fußspuren in der schlammigen Sohle einer Strecke gesehen hatte und diesen gefolgt war. Als der Kistendeckel geöffnet wurde, lag darin tatsächlich ein lebender, von der Statur her sehr kleiner Mann. Neben sich ein faustgroßes Stück hartes Brot, ein Gefäß mit etwas Wasser gefüllt sowie eine zur Hälfte niedergebrannte Kerze. Er war ansprechbar, auch kein Unbekannter, sondern ein Bewohner aus Georgenfeld. Es war der 54-jährige Bergmann Karl Löwe, der mit seinem Bruder Albin zusammen in einem kleinen Häuschen wohnte. Georgenfeld war damals übrigens eine noch selbstständige Gemeinde in unmittelbarer Nähe von Zinnwald. Auf die Frage meines Vaters, was ihn denn bewogen habe, sich ein solches einsames Versteck zu suchen, war seine Antwort: die Angst vor den Russen. Nach seinen Angaben war er schon einige Tage in dieser untertägigen Zufluchtsstätte, die er über den seit Kriegsende unverschlossenen Zugang des Tiefen-Bünau-Stollens von deutscher Seite her erreicht hatte. Es sind große Glücksumstände gewesen, die Karl Löwe das Leben gerettet haben. Zunächst war es der tägliche Gang zu einer Wasseraustrittstelle und dann die eigentlich unwahrscheinliche Tatsache, dass ehemalige Kameraden an ihre frühere Arbeitsstelle noch einmal zurückkehrten, aufmerksam die frischen Fußspuren verfolgten und ihn schließlich entdeckten.
Vorsichtig führte man Karl Löwe zum Füllort des Militärschachtes, wo man ihm zunächst die Augen verband, damit er sich langsam wieder an das Tageslicht gewöhnen konnte, wenn er nach oben gebracht wird und gab ihm etwas zu essen, denn auch damit war Vorsicht geboten.

Karl Löwe ist damals seinen Rettern sehr dankbar gewesen. Er lebte noch viele Jahre in seiner Heimat auf dem Georgenfelder Goldhahnweg und arbeitete nach dem Krieg als Maurer, unter anderem in einem kleinen Geisinger Bauunternehmen. Manchem älteren Einwohner von Zinnwald-Georgenfeld ist der kleine Mann auch heute noch bekannt und als recht eigenwilliger, auch kauziger Mensch in Erinnerung.

Der Junggeselle Karl Ludwig Löwe starb im Alter von 75 Jahren am 1. Oktober 1966 im Pflegeheim Naundorf bei Schmiedeberg.

Autor: Heinz Görl, Zinnwald-Georgenfeld