Bergleute bauten Erz beiderseits der Staatsgrenze ab

Grenzprobleme auf dem „Ziehn-Wald“ - Episoden aus der Vergangenheit

(in: Sächsische Zeitung, Kreisausgabe Dippoldiswalde; 19.01.1995, S. 11) Die Zinnwalder Erzlagerstätte mit ihren flach einfallenden „schwebenden Flötzen“ist der Prototyp einer besonderen Ausbildung von Zinn-Wolfram-Erzlagerstätten. International einmalig ist der jahrhundertelange Abbau dieser Lagerstätte beiderseits einer Staatsgrenze gewesen. Ein Teil dieser Erzlagerstätte ist seit Sommer 1992 für die Öffentlichkeit durch das Besucherbergwerk „Vereinigt Zwitterfeld zu Zinnwald“ erschlossen. Seine Befahrung und Besichtigung gewährt nicht nur den Touristen bleibende Eindrücke von der untertägigen Arbeitswelt und den Eigentümlichkeiten der unbelebten Natur, sondern ist auch den Geowissenschaftlern ein wertvolles Studienobjekt „vor Ort“. Außerdem wandelt man hier auf höchst geschichtsträchtigem Boden. Mit der Grenzziehung zwischen Sachsen und Böhmen im Vertrag zu Eger 1459 ist unbewußt die Zinnwalder Erzlagerstätte in einen größeren böhmischen und einen kleineren sächsischen Teil politisch zergliedert worden. Die grenzbedingte Zweiteilung der Lagerstätte und ihres Abbaus hat zwangsläufig enge geschichtliche Wechselbeziehungen zwischen Sachsen und Böhmen in diesem Gebiet bedingt, gemeinsame Geschichte geschrieben und menschliche Schicksale bestimmt. Die bergbauliche Erschließung des Zinnwalder Erzvorkommens erfolgte von Graupen (Krupka) aus. Dort, am böhmischen Südabhang des Erzgebirges, hatte der Bergbau bereits gegen Ende des 13. Jahrhunderts seinen Anfang genommen. Mitte des 15. Jahrhunderts ist der Beginn des untertägigen Erzabbaus im böhmischen Teil der Zinnwalder Lagerstätte belegbar. Auf sächsischer Seite begann der Tiefbau erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. In der klimatisch rauhen Gegend auf dem Erzgebirgskamm beiderseits der Grenzlinie entstanden „Bergflecken“, Ansiedlungen der hier schaffenden und sich behauptenden Bergleute. Eine Vielzahl von kleinen und kleinsten Gruben bestimmt auf beiden Seite zunächst das Bild, wo diese Menschen und auch viele andere aus der weiteren Umgebung tätig waren. Die wirtschaftliche Notlage einzelner Bergwerke bedingte nicht selten einen Arbeitsplatzwechsel auf die andere Seite der Landesgrenze. Die dem Bergmann privilegierte Freizügigkeit gestattete das. Erschütternd sind die überlieferten Berichte aus der Zeit der Gegenreformation im katholischen Nachbarland, wo 1728 aus Glaubensgründen nicht zum Konfessionswechsel bereite böhmische Protestanten ihren Besitz und ihre Existenz aufgaben und nach Sachsen wechselten. Diese vertriebenen Menschen (Exulanten) erhielten mit Unterstützung des sächsischen Kurfürsten Johann Georg II. auch bei Zinnwald einen Siedlungsplatz, gründeten Neu-Georgenfeld und fanden in den hiesigen Gruben Arbeit. Die Sage berichtete, der evangelische Geisinger Pfarrer Immanuel Heinrich Kauderbach habe als Bergmann verkleidet noch vor der Vertreibung dieser Menschen vor ihnen in der „Schwarzwänder Weitung“ gepredigt. Belegt ist jedoch lediglich das unerschrockene Wirken dieses Pfarrers für seine bedrängten Glaubensbrüder aus dem Nachbarland. Aktenkundige Tatsache ist aber, daß die auf böhmischen Hoheitsgebiet befindliche Schwarzwänder Weitung durch den Abbau eines Erzkörpers von sächsischer Seite entstanden ist. Ob die besonders hohen Zinngehalte in dem dortigen Erz wissentlich oder unwissentlich zur Grenzüberbauung geführt haben, kann nicht angegeben werden. Ein in dieser Angelegenheit heftig entbrannter und dann noch gütlich beigelegter Grubenfeldstreit zwischen dem Bünauischen Bergamt in Neugeising und dem Fürstlich Clary’schen Bergamt zu Graupen führte jedenfalls zur Einstellung das Abbaus in dieser Weitung von Sachsen aus. Der im Jahre 1686 angefangene Tiefe-Bünau-Stollen und jetzige Zugang zu unserem Besucherbergwerk ist mit seinem weiteren Forttrieb nach und nach nicht nur für die sächsischen Gruben, sondern auch für die böhmischen Zechen zur eigentlichen Lebensader für das Bergbaugeschehen geworden. Er nahm alle bis in diese Teufe anfallenden Grubenwässer auf und leitete sie nach Sachsen ab. Trotzdem ist dieser Stollen immer ein Zankapfel zwischen Sachsen und Böhmen auf dem „Ziehn-Walde“ gewesen. Die Betreiber des Erbstollens, d.h. die Geldgeber für die kostenaufwendige Auffahrung, auch „Stöllner“ genannt, hatten nach altem Bergrechtsbrauch Anspruch auf ein Neuntel des gesamten Erzausbringens einer jeden Grube, die durch den Stollen wasserfrei und damit betriebsfähig gehalten wurde. Da die böhmischen Gewerken mit der Zahlung des „Stollnneuntels“ oft säumig blieben und manchmal diese ganz einstellten, ergriffen die erbosten sächsischen Stöllner nicht selten drakonische Maßnahmen. Sie „verspündeten“ (verdämmten) in Grenznähe den Tiefen-Bünau-Stollen, was zum Absaufen und zwangsläufig zur Stilllegung der Bergwerke auf böhmischer Seite führte. Es ist bekannt, daß sogar einmal der sächsische Kurfürst vermittelnd und letzlich befehlend in diese Streitigkeiten in Zinnwald eingreifen mußte. Im erzgebirgischen Grenzland nutzte die dort gewöhnlich in sehr bescheidenen, oft ärmlichen Verhältnissen lebende Bevölkerung auch das Preis- und Steuergefälle zwischen Sachsen und Böhmen aus. So blühte in beiden Richtungen zeitweise auch der Schmuggelhandel, oder wie die Erzgebirgler sagten, die „Pascherei“ auf. Dadurch versuchten die Bewohner, ihre Lebensverhältnisse ein wenig aufzubessern. Für diese Zwecke wurden natürlich unter anderem früher auch die über Stollen und Abbaue entstandenen unterirdischen Verbindungswege zwischen den Gruben auf beiden Seiten genutzt. Heute gehören diese, für uns interessanten Episoden von früher der Vergangenheit an. Sie charakterisieren aber letztendlich enge gemeinsame geschichtliche Beziehungen zwischen den Grenzgemeinden Cinovec und Zinnwald-Georgenfeld. Sie sollten zukünftig Ansatzpunkte für die weitere Förderung und Belebung des grenzüberschreitenden Tourismus mit unserem Nachbarland, der Tschechischen Republik, werden. Wolfgang Barsch